Welcher ist der richtige Gleitschirm?

Gute Frage, denn angesichts der schieren Auswahl an Gleitschirmen, Gurtzeugen und Zubehör auf dem Neu- und Gebrauchtmarkt gestaltet sich die Suche nach dem neuen Fluggerät nicht besonders leicht. Zwischen haufenweise Neuschirmen der vielen Hersteller in den unterschiedlichsten Leistungsklassen und Varianten bietet auch der Gebrauchtmarkt diverse Angebote mit mehr oder weniger seriösem Inhalt.

Anfängerschirme

Wie also nun den richtigen Gleitschirm finden? Welcher Gleitschirm passt zu mir? Nun ja, gerade für Anfänger ist die Herangehensweise eigentlich ziemlich einfach. Stichwort EN beziehungsweise LTF. Denn die Klassifizierung der Gleitschirme in ihren Schwierigkeitsgrad ist eines der wichtigsten Merkmale, ob ein Gleitschirm für Dich der richtige ist. Nach LTF (Lufttüchtigkeitsforderung) wurden Gleitschirme anhand von Zahlen nach ihrer Klassifizierung gekennzeichnet (1=Schulungstauglich bis 3=Experten). Nach europäischer Norm (EN) geschieht dies über Buchstaben von A bis D.

Da jeder Gleitschirm auf Pilotenfehler und Turbulenzen anders reagiert erfordert jedes Modell andere Reaktionen und Eingriffe des Piloten, um in einen normalen Flugzustand zurück zu kehren. Je höher dabei die passive Sicherheit und das Dämpfungsverhalten ist, desto Fehler verzeihender ist der Schirm und umso geringer ist der erforderliche Eingriff. Anhand eines vorgegebenen Katalogs von Manövern werden die Gleitschirmmuster von Testpiloten auf Herz und Nieren überprüft und erhalten anschließend eine Bewertung ihrer Eigenschaften. Für weitere Informationen zu den Klassifizierungen: klick

Die Grundregel für den Anfänger lautet deshalb: Der richtige Gleitschirm hat immer nur die Klassifizierung LTF 1 oder EN A!

Ausnahmen in der alten LTF-Klassifizierung bestehen nur in der Klasse 1-2 low, sprich Gleitschirme, die nur in wenigen Punkten die Bewertung von 1-2 bekommen haben. Für mich selber wäre, obwohl ich kein blutiger Anfänger mehr bin, nur ein Gleitschirm nach EN-A der richtige. Das hat folgende Gründe: Zum einen habe ich mit einem solch sicheren Schirm ein deutlich entspannteres Gefühl und kann mehr genießen, da ich nicht ständig aktiv fliegen muss. Zum anderen bieten moderne Einsteiger-Gleitschirme Flugleistungen, die sich vor denen von Intermediates nicht mehr verstecken müssen. Es macht für mich also keinen Sinn höhere Sicherheit gegen einen kleinen Leistungszuwachs zu tauschen.

Gewichtsbereich

Ausschlaggebend für die Wahl des richtigen Gleitschirms für Dich ist neben der Klassifizierung auch der zulässige Gewichtsbereich des Schirms. Das bedeutet, dass die jeweiligen Modelle in verschiedenen Größen zur Verfügung stehen und demnach auch mehr oder weniger Gewicht tragen können. Ein direkter Zusammenhang besteht dabei innerhalb eines Gleitschirmmodells zwischen der projizierten (ausgelegten) Fläche und dem Pilotengewicht. Bei Gleitschirmen wird dabei immer mit einem Gewichtsbereich gearbeitet, also keine Panik, wenn du dir über den Winter ein kleines Polster zugelegt hast ?. Ist der Gleitschirm deiner Wahl beispielsweise von 85kg bis 105kg zugelassen und dein Gurtzeug samt Rettung und allem Klimbim drum herum wiegt z.B. 15kg, darfst du 70kg bis 90kg auf die Waage bringen. Es wird also immer das Gesamtpaket, welches als Pendel unter dem Tuch hängt, betrachtet. Der Sinn hinter der Einteilung der Gewichtsklassen ist folgender: Durch ein höheres Gewicht erhöht sich die Flächenbelastung auf den Gleitschirm, wodurch dieser schneller und stabiler wird, aber auch stärker sinkt. Andersherum führt eine geringere Flächenbelastung zu einer niedrigeren Sinkrate, aber auch erhöhter Gefahr von Klappern durch äußere Einflüsse. Ein Unter- oder Überschreiten der Gewichtsangaben führt somit zu einer Änderung des Schirmverhalten und unter Umständen zu einer Verlagerung der Klassifizierung. Wer also meint ein besonders schweres Souvenir vom Startplatz mitnehmen zu müssen, darf sich nicht wundern, wenn er plötzlich einen EN-B-Schirm ins Tal fliegt, obwohl EN-A draufsteht … naja vielleicht etwas übertrieben, aber denkt an den zulässigen Gewichtsbereich!

Intermediates

Sogenannte Intermediates sind Gleitschirme für Piloten mit viel Praxis und regelmäßiger Flugerfahrung. Sie sind die richtigen Gleitschirme für Personen, die aus der Einsteigerklasse aufsteigen möchten und sich nach etwas mehr Leistung und Agilität sehnen. Ohne Kompromiss ist dies aber leider nicht zu gewährleisten, sodass auch ein deutlich gesteigertes Pilotenkönnen vorhanden sein muss. Bevor es also an die Überlegung zum Kauf eines Intermediates geht, solltest Du dich realistisch als sicheren, geübten Piloten sehen, dem auch turbulentes Wetter und besondere Flugzustände keine Schweißperlen auf die Stirn treiben. Falls das noch nicht ganz zutrifft, lieber noch etwas länger mit dem Beginner-Schirm hantieren. Die Klassifizierung für Intermediate-Schirme sind EN-B und EN-C bzw. LTF 2.

Leichtausrüstung

Ein weiterer Punkt ist das geplante Einsatzgebiet des Gleitschirms. So muss überlegt werden ob mit der Ausrüstung eine längere Strecke an Land zurückgelegt wird, oder ob ihr mit einer Aufstiegshilfe zum Startplatz kommt.

Aus eigener Erfahrung ist ein zweistündiger Aufstieg mit einem riesigen Rucksack von 20 Kilo Masse nicht besonders amüsant – die Schwerpunktlage brachte meinen Rücken zur Weißglut und er verordnete mir eine Zwangspause nach der anderen. Abhilfe hätte hier eine leichtere Ausrüstung in Form eines Leichtschirms mit passendem Gurtzeug gebracht.

Wer also gerne Hike & Fly betreibt ist mit einer solchen, aber meist teureren Lösung besser bedient. Doch Vorsicht – hier geht die Handlichkeit am Boden deutlich zu Lasten der Haltbarkeit und überwiegend haben solche Ausrüstungen nichts in den Fingern von Anfängern zu suchen. Denn ein oftmals anspruchsvolles Flugverhalten und verschleißanfällige Leinen und Tücher taugen nicht für die Schulung oder Groundhandling.

Hochleister

Du hast es richtig drauf und beherrschst das Gleitschirmfliegen im Schlaf? Dein Performance-Schirm der Klasse LTF 2 bzw. EN-C macht dir nichts mehr vor und du hast unzählige Flugstunden auf dem Buckel? Dann kannst du dich in die Königsklasse wagen – wenn du dich traust.

Eine enorme Streckung, große Spannweiten und hohe Geschwindigkeiten verlangen dem Piloten alles ab, aber belohnen auch mit der größtmöglichen Leistungsentfaltung.

Vorsicht, nur für besonders geübte Piloten geeignet!

Wo finde ich den richtigen Gleitschirm?

Der beste Weg seinen neuen Gleitschirm zu finden wäre natürlich eine ausgiebige Beratung im Fachgeschäft und am besten noch ein Probeflug. Durchaus machbar für denjenigen, dessen Konten es hergibt, müssen viele andere unter Umständen auf den Gebrauchtmarkt zurückgreifen. Dieser bietet viel Auswahl, aber auch viel ranzige Ausrüstung zu überhöhten Preisen. Hier ist also Vorsicht geboten und das in vielerlei Hinsicht. Ich empfehle die Ware mindestens persönlich anzuschauen und auszulegen um eventuell versteckte Fehler sehen zu können. Am besten wäre natürlich auch hier den Schirm aufzuziehen oder sogar ein Probeflug, wenn möglich. Auch ein Abgleich mit den alten Nachprüfungsunterlagen bringt oftmals Licht ins Dunkle. Selbstverständlich müssen auch hier alle Papiere und Unterlagen stimmen und das Siegel am Gleitschirm verglichen werden. Gängige Quellen für den Gebrauchtkauf sind neben dem DHV-Gebrauchtmarkt auch die üblichen Kleinanzeigenportale.

Worauf muss ich beim richtigen Gleitschirm achten?

  • Klassifizierung
  • Gewichtsbereich
  • Unterlagen: Betriebsanweisung, Nachprüfanweisung, Kennzeichnung am Gerät (Zulassung!)
  • Zustand
  • Kompatibilität zum Gurtzeug

… und für die Ästhetiker unter uns natürlich die Farbe ?

Welcher ist der richtige Gleitschirm für mich? – Zusammenfassung

Die Wahl des richtigen Gleitschirms hängt im Grunde genommen von zwei ausschlaggebenden Faktoren ab. Zum einen ist das Pilotenkönnen der Parameter über den die Klassifizierung des Schirms gewählt wird. Dabei gilt es lieber etwas sicherer zu wählen, als nachher mit dem Fliegen überfordert zu sein und ein Unfallrisiko einzugehen. Auf der anderen Seite spielt, wie bei jedem anderen Fluggerät auch, die Zuladung eine wichtige Rolle. So sollte der Pilot mit seiner Ausrüstung den zulässigen Gewichtsbereich des Gleitschirms niemals unter- oder überschreiten. Zu guter Letzt ist auch immer die Musterzulassung beziehungsweise die Kennzeichnung am Gerät selber zu überprüfen, bevor es an die weitere Auswahl geht.