GIN EXPLORER S Test(75-100 kg )

Ein high B – Flügel welcher die Messlatte in seiner Kategorie wieder etwas nach oben verschiebt.
Hier unsere Einschätzung der wesentlichen Eigenschaften des GIN EXPLORER´s :

Material u. Verarbeitung: Der neue Gin Explorer ist in moderner Leichtbauweise aus einem Materialmix von hochwertigem 32g u. 27g skytex water repellent Tuch von Porcher gefertigt. Die gekreuzten Nasenversteifungen sind aus dem weicheren orangen Plastik gefertig, was auch mal unsauberes oder sehr enges Packen problemlos zulässt. Dennoch würde ich so einen edlen Flügel, schon des Schmutzes wegen, überwiegend in einen Zellenpacksack reinfalten. Die Leinen sind aus unummanteltem Edelried Aramid, sehr sauber gespleißt und mit Loopschonern ausgeführt. Die Tragegurte sind leicht, modern, aus Kevlarband. Es soll in Kürze optional noch extraleichte (ca. -250g) Dyneemagurte geben. Die Größe S wiegt mit den normalen Gurten 3,87 kg. Die Verarbeitung insgesamt kann durchaus als hochwertig, fast schon edel bezeichnet werden.

Start: Bei Schwachwindkonditionen bietet der neue Gin Explorer ein überragend gutes Füll- und Abhebeverhalten – vom Gefühl geht es in Richtung moderner Singleskins. Lediglich Aufgrund der Spannweite sollte schon etwas Gespür für symetrisches Aufziehen beim Piloten vorhanden sein. Bei starkem Wind ist der Flügel auch problemlos zu handeln. Man kann die zügig steigende Kappe deutlich über die Bremsen oder die Tragegurte korrigieren, das Fenster zwischen Strömungsabriss und überschießen der Kappe ist groß und verlangt kein besonderes Feingefühl vom User.

Geschwindigkeit u. Gleiten: Der Trimmflug ist spurstabil mit einem Geschwindigkeitsbereich um 37-39 km/h. Vollgas schafft man Rolle auf Rolle am Anschlag hartgedrückt ca. 12 km/h Zuwachs, etwas über 50 km/h bei meinem Startgewicht von 93 kg und eiskalten – 10 ° und ca. 1200 m MSL. In sommerlichen XC Bedingungen und einem Startgewicht um 98 kg ist eine noch bessere Speed-Gleitleistung bei Gegenwind logisch zu erwarten. (Anmerkung: Eigenspeed-Geschwindigkeiten Messen per GPS ist nie wissenschaftlich verlässlich in Zahlen möglich wegen Luftmassenbewegung und Dichte. Man kann eigentlich besser Referenzgeräte nehmen und vergleichen) Der Beschleunigerweg ist rel. kurz.12 cm bei S . ( Bei Größe M 14 cm ) . Dies hat den Vorteil, dass man mit Cocoon-Gurtzeugen leicht den vollen Weg nutzen kann. Die Flugstabilität ist im Vollgasmodus außerordentlich gut was Klappresistenz und auch Rolldämpfung anbelangt. Man kann grob ins Gas rein treten, der Schirm scheint bei weitem nicht ausgereizt sein. So kann man in realen XC Bedingungen den Maximalspeed auch voll nutzen. Der Papier-Airspeed ist gleich dem true-airspeed, was nicht selbstverständlich ist bei leistungsorientierten Geräten.

Thermikflugverhalten: Genial ! Man hat das Gefühl, dass der Gin Explorer irgendwie selbst in Richtung des stärkeren Steigens zieht, und dies sowohl bei hauchdünner- als auch in stärkerer Thermik. Die Steuerung ist leichtgängig und präzise, besonders das enge Kreisen am Hang funktioniert außerordentlich gut. Der Explorer zieht den ganzen Kreis sauber durch und behält seine Energie. Die Kurvenradien und die Schräglage sind sehr variabel über beide Bremsen und ein wenig Gewichtsverlagerung von flach eng bis steil eng stufenlos koordinierbar. Dazu kommt das hervorragende Umsetzen von Überfahrt in Höhe. Dies ermöglicht es versierten Piloten, mit ausgeprägtem Gespür für Kurvenenergie, dank des präzisen Steuerverhaltens und der Schirmdynamik, mit der Thermik und auch anderen Piloten regelrecht zu spielen  Während mehrerer Stunden Thermikflug hatte ich keinerlei Tendenz zu Klappern bemerkt, die Flügelenden stehen stabil. Das Allround-Steigvermögen des Explorers sucht seines Gleichen, egal in welcher Zulassungsklasse. Die Gleitleistung dürfte in seiner Klasse EN-B bei den allerbesten Geräten sein und noch einige Kat. C-Geräte überragen. Das werden wir jedoch noch explizit in Vergleichsflügen testen.

Basismanöver und Extremflugverhalten: der Gin Explorer hat in 5 Größen auf Anhieb die Zulassungstests mit Kategorie B, ohne Faltleinen und mit Liegegurt bestanden. Das sagt schon viel aus. Wie bei fast jedem Gleitschirm ist die härteste Reaktion bei großen beschleunigten Klappern zu erwarten. Bei meinen eigenen Flugtests hatte sich vereinzelt (ca. jeder 10. Versuch ) bei provozierten Klappern mal das hintere Flügelende minimal zwischen 2 Bremsleinen eingezwickt. Dies war aber stets einfach zu lösen.

Der Flügel hat, ganz GIN-typisch, keinerlei Tendenz zum Strömungsabriss. Dies ist eine besonders wichtige Eigenschaft, welche dem Pilot Fehler verzeiht, falls er in Thermikhämmer zu stark gebremst einfliegt, bei etwaigen Einklappern grobmotorisch gegensteuert oder beim Toplanden von der Situation mal überfordert wird. Außerdem bleibt der Schirm viel besser start- und fliegbar wenn er nach vielen Jahren mal stark gebraucht sein wird. Die LTF-Kategorie A im Testmänöver Trudelneigung, beim Schnell- und Langsamflug, unterstreicht dies wichtige Sicherheitskriterium deutlich. Laut Gin Soek sollen die Eigenschaften aller 5 Schirmgrößen weitgehend identisch sein, so dass man nicht erwarten muss, das die XS und XXS Größen spürbar anspruchsvoller reagieren. Dies ist auch nicht selbstverständlich.

Die Steilspirale lässt sich schön dosieren und neigt bei Sinkraten unter 14 m/s nicht zum ausgeprägten nachdrehen. Vergleichsweiseunkompliziert, harmonisch und gutmütig. Dennoch wird es bei diesem Gerät, wie bei absolut jedem anderen Gleitschirm auch, für einen „Kamikaze-Pilot“ möglich sein, irgendwie unkontrollierte gefühllose Megaspiralen zu kreieren und dabei seine Gesundheit zu riskieren.
Big-Ears lassen sich gut einleiten und kontrolliert halten, und sollten wie üblich am besten in Verbindung mit deutlichem Beschleunigertreten genutzt werden. Die Öffnung erfolgt etwas zeitverzögert unkompliziert über die Bremsen.

Empfehlung: Der Schirm ist für ambitionierte Thermik- und XC Piloten mit fundierter Flugpraxis und min. ca. 30 Flugstd./Jahr geeignet. Das Startgewicht sollte wie bei fast jedem modernen Schirm in den oberen 10 kg des Zulassungsbereiches gewählt werden. Beim Sommerlichen XC Fliegen in den obersten 5kg. Moderne leichte Liegegurte wie Genie light, Delite, Matador oder Lightness ect. passen hervorragend zum System.
Fazit: Sowohl in Sachen Steuerpräzision und Flugkomfort als auch bezüglich Steig- und Gleitleistung und nicht zuletzt wegen der schönen Formensprache und dem geilen Startverhalten ist das Produkt „ state of the art“ im Gleitschirmbau. Den Gin Explorer sollte jeder komfortbewusste XC-Flieger der dazu noch leichtes Gerät bevorzugt, ausprobieren. So einen Leistungs/Komfort – Quotienten findet man sonst nicht. Ich empfehle wie immer viel probefliegen, wenig Foren lesen, gemäß dem Sprichwort : probieren geht über studieren…

Peter Geg Feb 2017

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Schirmtest und Freigabe durch Oase Flugschule – Peter Geg GmbH (www.oase-paragliding.com)

Quelle der Galeriebilder: GIN Gliders Inc. (danke fürs Ausleihen) 🙂

Vielen Dank für eure Unterstützung!!!