Das Gleitschirm-Gurtzeug

Gleitschirmfliegen über die Arschbacken und durch Gewichtsverlagerung? Ja, das soll so sein!! Vernünftig aktiv geflogen wird eben mit deinem Körper und nicht nur mit den Steuerleinen. Dein Gleitschirm-Gurtzeug ist dabei der unmittelbare Übersetzer deiner Körperhaltungskommandos an deinen Schirm sowie die direkte Reaktion desselben auf deine Anweisungen. Richtiges aktives Fliegen mit Gewichtsverlagerung ist beim Fliegen eigentlich schon fast die halbe Miete (die andere Hälfte ist Groundhandling, dazu irgendwann später mal mehr), daher sollte dem passenden Gleitschirm-Gurtzeug fast mehr Aufmerksamkeit als der Auswahl des Schirmes geschenkt werden.

Es gibt verschiedene Gurtzeugkonzepte auf dem Markt, was eine Entscheidung nicht unbedingt einfach macht. Auch hier gilt meine Devise, „lass dich vom Fluglehrer bzw. der Flugschule deiner Wahl beraten“. Eine vernünftige Ausbildung beinhaltet auch vernünftige Gerätekunde und das bedeutet, dem Gurtzeug sollte mindestens so viel Beachtung geschenkt werden wie dem Gleitschirm – meiner Ansicht nach sogar noch mehr!

Merkmale des Gleitschirm-Gurtzeugs

Das Gurtzeug bildet einen Sitz, der über Karabinerhaken mit den Tragegurten an den gebündelten Stammleinen mit dem Gleitschirm verbunden ist. Ein Gleitschirm-Gurtzeug mit vernünftigem Sicherheitskonzept verfügt neben dem Sitz und den Bein- und Brustgurten auch über eingearbeitete Protektoren, die die Wirbelsäule und das Becken schützen sollen. Gleitschirme ohne Protektoren darfst du also schon mal in die Rundablage legen. Safethy first…  Rettungsschirm und ein Beschleunigungssystem sind ebenfalls noch im Gurtzeug integriert.

Gleitschirm-Gurtzeug Konzepte

Es gibt verschieden Gurtzeug-Konzepte für verschieden Anwendungsgebiete auf dem Markt. Für den Anfänger bzw. Flugschüler ist die Wahl des richtigen Gleitschirm-Gurtzeugs schnell zu beantworten. Dennoch möchte ich euch die verschieden Gurtzeug-Typen kurz darstellen:

Sitz-Gurtzeug
Gleitschirm-Gurtzeug (Sitzgurt)

Im Sitzgurtzeug befindet sich der Pilot in aufrechter Sitzposition und lässt seine Beine im Flug frei hängen. Bei Bedarf können die Beine über einem Beinstrecker ausgestreckt werden (ob das luftwiderstandsoptimierend Sinn macht, trau ich mich nicht zu beurteilen). Hinter dem Rücken eingearbeitet ist bis unter das Gesäß ein im Idealfall großzügig dimensionierter Schaumstoffprotektor (nach LTF geprüft), der deine Wirbelsäule bzw. den Hintern im Falle eines unkontrollierten Aufpralls schützen soll. Meist unter dem Gesäß verbaut ist ein Staufach für dein Rettungsgerät, um dir im Ernstfall eine weitere Abstiegsoption offen zu halten. Es befinden sich am Gurtzeug diverse Taschen und Staufächer für allerlei nützliche Dinge. Vor dir hast du ein Flugcockpit mit weiterer Staumöglichkeit und dem Platz zur Sicherung deiner Fluginstrumente (Vario, GPS, Handy, Funk, etc.)

Leicht-Gurtzeug

Ein Gurtzeug-Typ ohne jeglichen Komfort und Sicherheitsaspekt. Eigentlich eher eine Schaukel ohne Sitzbrett und ohne Protektor, ich denke für Bergsteiger oder Hike & Flyer gedacht. Für mich schwer im Gleitschirmflug vorstellbar und daher aus meiner Sicht ein No-Go für Anfänger, Flugschüler und auch für Gleitschirmflieger.

Wende-Gurtzeuge

Wendegurtzeuge bieten einen Kompromiss zwischen Leichtgurtzeugen und normalen Sitzgurten. Auf den Schaumstoffprotektor wird hier ebenfalls verzichtet, jedoch wird mit einer Airbaglösung gearbeitet. Eine eingearbeiteter Airbag füllt sich während des Fluges durch den Gegenwind mit Luft und bietet im Falle eines unkontrollierten Aufpralls die notwendige Knautschzone. Nachdem der Staudruckprotektor erst im Flug einsatzbereit ist, bietet dieser Gurtzeug-Typ für Flugschüler meiner Ansicht nach ebenfalls keine Alternative.

Liege-Gurtzeuge

Ein Gurtzeug-Typ entwickelt für Strecken- und Wettkampfpiloten, Gleitschirm-Gurtzeug um durch die Liegeposition Vorteile bei  Wettkampf- bzw. Streckenflügen aufgrund des geringeren Luftwiderstands ausschöpfen zu können. Liegegurtzeuge neuester Generation sind mittlerweile im Gewichtsbereich unter 2 kg angekommen. Aufpassen: Das extrem reduzierte Gewicht dieser Gurtzeuge muss irgendwo eingespart werden und geht ebenso wie beim Gleitschirm meist zu Lasten robuster Materialien. Für Flugschüler und Anfänger also ebenfalls kein Tipp.

Wahl des richtigen Gleitschirm-Gurtzeug

Ausprobieren und probesitzen,… und nicht nur gucken, sondern auch anfassen! Und das Prozedere bitte mehrfach wiederholen, testet durchaus mal einige unterschiedliche Gleitschirm-Gurtzeug-Konzepte durch. Probesitzen könnte ihr ein Gleitschirm-Gurtzeug, wie schon oft von mir empfohlen, bei der Flugschule eures Vertrauens. Die darf euch diesbezüglich auch gerne umfassend und ausführlich beraten. Die Wahl des richtigen Gleitschirm-Gurtzeugs ist immens wichtig und stellt, wie einleitend bereits beschrieben, eine meiner Ansicht nach wichtigere Kaufentscheidung als die des Schirms dar.

Gleitschirm-GurtzeugAls Einsteiger in der Ausbildung Finger weg vom Leicht-, Wende- oder Airbag-Gurtzeug! Probesitzen klar, aber zum Kauf für den Einstieg oder gar für die Ausbildung No-way. Ihr seid gerade im Einsteigerbereich gut mit einem normalen Sitz-Gurtzeug mit großzügig dimensioniertem Schaumstoffprotektor beraten. Diese Protektoren schaffen eurem Allerwertesten und eurer Wirbelsäule ein vernünftiges Sicherheitspolster, falls gerade im bodennahen Bereich bei Start- und Landeübungen oder beim Groundhandling (wichtige Übung, später mehr…!) mal etwas schiefgehen sollte. Alles Gewichtsreduzierte geht zu Lasten der Sicherheit und hat in der Schulung und zu Beginn der Fliegerei nichts zu suchen.

So, mal zusammenzählen…, hmmm Gleitschirm hab i, Gurtzeug hab i, dann kann’s ja losgehen… :p – NIX DA, ein Gleitschirm-Helm fehlt noch, und was es darüber zu wissen gibt erfahrt ihr hier…