Der Gleitschirm

Der Gleitschirm ist ein speziell für das Paragliden entwickeltes Segel, das aus robustem, aber dennoch sehr leichtem und dünnem sowie luftundurchlässigem Stoffen gearbeitet ist. Das Segel wird auch Schirmkappe oder Kalotte, manchmal bei älteren oder langsameren Schirmen abwertend auch Tüte genannt. Gleitschirme werden in verschiedenen Ausführungen und Größen angeboten und erreichen je nach Verwendungszweck meist eine Spannweite von 10 bis 13 m sowie eine Gesamtfläche zwischen 20 und 35 m² sowie bis zu 43 m² bei Tandemschirmen. Die Größe der Schirmfläche wirkt sich direkt auf die Tragfähigkeit des Gleitschirms aus. Die technischen Daten des Gleitschirms findet man in den Herstellerangaben sowie auf dem im Schirminneren eingenähten Typenschild.

GleitschirmBei Einsitzern beträgt die maximale Gewichtslast (Gewicht des Piloten inklusive Gleitschirmausrüstung, die i.d.R. mit 15 bis 25 kg ins Gewicht fällt) je nach Gleitschirm-Modell zwischen 55 und 130 kg, Tandemschirme können bis zu 250 kg tragen. Je höher die Flächenbelastung (obere Gewichtsgrenze) eines Gleitschirms (kg/m²) ausfällt, desto höhere Fluggeschwindigkeiten werden erreicht – das gilt auch für den Landeanflug. Allerdings reagiert der Gleitschirm dann auch direkter und lässt sich dynamischer steuern. Umgekehrt gilt das ebenso für die untere Gewichtsgrenze: mit geringer Flächenbelastung ist das Gleitschirmfliegen instabiler, etwas langsamer und herausfordernder (unterhalb des Gewichtsbereichs ist das nicht ungefährlich). Im Fall einer geringen Flächenbelastung muss dann das tendenziell unruhigere Flugverhalten des Schirms durch beständiges, gezieltes Gegensteuern stabilisiert werden.

Wie schnell fliegt ein Gleitschirm

Beim Gleitschirmfliegen lassen sich im Regelfall Geschwindigkeiten von 20 bis über 50 km/h erreichen, spezielle Wettkampfgleitschirme kommen auch den 70 km/h nahe. Die Geschwindigkeit bei offener Bremse, die sog. Trimmgeschwindigkeit, liegt etwa zwischen 30 und 40 km/h. Um die Fluggeschwindigkeit auf 20 bis 25 km/h zu drosseln, benutzt du die beiden Steuerleinen gleichzeitig als Bremse, wodurch das Segel an der Hinterkante nach unten gezogen, dabei gewölbt wird und durch den erhöhten Luftwiderstand den Schirm abbremst. Die tatsächliche Fluggeschwindigkeit variiert natürlich auch je nach Rücken- oder Gegenwind.

Gleitschirm-Leistung und mögliche Distanzen

Das Verhältnis von Weite (zurückgelegte Flugstrecke) zur benötigten Höhe (vertikale Strecke) wird beim Paragliding Gleitleistung genannt. Moderne Gleitschirme weisen eine Gleitleistung von etwas über 9,5:1 auf, legen also rund 9,5 m horizontale Strecke zurück, wenn sie 1 m Höhe verlieren. Mit Wettkampfschirmen wird eine Gleitleistung von über 10,5:1 erreicht. Zum Vergleich: Hängegleiter, die zu den Starrflüglern (Drachen) gehören, kommen auf einen Wert von 20:1, Segelflugzeuge auf 70:1.

Im Flachland kann mit einem Paragleiter durch die Nutzung thermischer Aufwinde eine Höhe von 1.000 bis 3.000 Meter erreicht werden – im Gebirge freilich noch mehr. Wenn du die Thermik geschickt ausnutzt, kannst du beim Gleitschirmfliegen Distanzen von über 100 Kilometer zurücklegen, erfahrene Streckflugprofis legen aber auch locker Flüge mit mehreren Hundert Kilometern zurück

Luftrechtliche Klassifizierung des Gleitschirms

Luftrechtlich gehört der Gleitschirm in Deutschland zur Luftfahrzeugklasse der Luftsportgeräte. Dort stellen Gleitschirme die eigene Ordnung der Gleitsegel. Motorisierte Gleitschirme zählen nicht dazu, sie werden unter den Luftsportgeräten zur Kategorie der Ultraleichtflugzeuge gezählt.

Musterprüfung der Gleitschirmausrüstung

Gleitschirme gehören in Deutschland und Österreich zu den nicht zulassungspflichtigen Luftsportgeräten. Stattdessen muss eine Musterprüfung, die auch Belastungstests beinhaltet, erfolgen, die auf Modellebene vom Deutschen Hängegleiterverband e.V. (DHV) und auf Stückebene von den jeweiligen Herstellern durchgeführt wird. In Deutschland und Österreich gibt es zudem eine Art Gleitschirm-TÜV: Je nach Herstellerangaben müssen alle 2 Jahre die Schirmkappe sowie die Leinen auf ihre Tauglichkeit und eventuelle Beschädigungen hin überprüft werden – für die Einhaltung der Überprüfungsintervalle müssen die Gleitschirm-Piloten selbst Sorge tragen. Der “Schirmcheck” bei einem Checkbetrieb deiner Wahl im 2-jahres-Rhythmus ist vorgeschrieben, ansonsten geht der Versicherungsschutz der Luftfahrerhaftpflicht flöten.

Im Zuge der Musterprüfung erfolgt auch die Einteilung der Gleitschirme in unterschiedliche Klassen, die hinsichtlich der Flugsicherheit verschiedenen Schwierigkeitsgraden entsprechen. Dies erfolgt für jedes Modell durch speziell ausgebildete Testpiloten, die die Reaktion des Paragleiters auf festgelegte Flugsituationen erproben.

Gleitschirm-Klassifizierung

Gemäß der Verordnung zur Prüfung von Luftfahrgeräten (LuftGerPV) führt der DHV Lufttüchtigkeitsforderungen (LTF) durch und nimmt vor dem Hintergrund der Bewertungen der Testpiloten eine Klassifizierung vor. Seit 2010 gilt die neue LTF-Klassifizierung, die die Gleitschirme von A (einfach) bis D (anspruchsvoll) einteilt – zuvor galt die LTF-Klassifizierung 1 (einfach) bis 3 (anspruchsvoll).

LTF A: Geeignet für alle Gleitschirmpiloten, aber besonders empfohlen für alle Einsteiger, da die Gleitsegel dieser Kategorie das Maximum an passiver Sicherheit bieten und infolge der guten Widerstandsfähigkeit gegen abnormale Flugzustände ein sehr “verzeihendes” Flugverhalten aufweisen.

LTF B: Diese Gleitschirme bieten eine gute passive Sicherheit und durch ihre noch gegebene Widerstandsfähigkeit gegen abnormale Flugzustände ein gutes verzeihendes Flugverhalten. Sie sind geeignet für Gleitschirmpiloten aller Ausbildungsstufen.

LTF C: Diese Gleitschirme zeichnen sich durch eine mäßige passive Sicherheit aus und können bei Turbulenzen und Pilotenfehlern teils dynamische Reaktionen zeigen, was Erfahrung und einen präzisen Eingriff erfordert, um wieder in den Normalflug zurückzukehren. Gleitschirme dieser Kategorie empfehlen sich nur für aktive und regelmäßige Flieger, die das Austeilen abnormaler Flugzustände beherrschen und Erfahrungen mit Gleitsegeln mit reduzierter passiver Sicherheit haben.

LTF D: Die Gleitsegel der höchsten Kategorie eignen sich nur für sehr geübte Gleitschirmpiloten mit viel Praxiserfahrung. Sie weisen ein äußerst anspruchsvolles Flugverhalten auf und können teils sehr stark auf Turbulenzen und Pilotenfehler reagieren, was viel Können und sehr präzise Eingriffe erfordert.

Wahl des richtigen Gleitschirms

Mein Ansatz ist: Du bist Fluganfänger? Finger weg vom LTF-C oder LTF-D Gleitschirm!! Selbst bei ruhigen Verhältnissen ohne Thermik bin ich der Meinung, dass das nicht sein muss! Höher klassifizierte Schirme stellen für Flugschüler oder Fluganfänger ein erhöhtes Risiko dar… und sicher fliegen und heil wieder ankommen, bedeutet schlicht Risiken dort wo es geht zu vermeiden.

Gleitschirm AusrüstungAuch mancher B-Gleitschirm erfreut den darunter hängenden Piloten zwar mit einem agileren Verhalten, zickt aber auch ganz gerne bisserl rum. Warum sich mein Schirm (Mentor) tapfer in der B-Klasse hält, habe ich bisher noch nicht so ganz verstanden – Intermediate hin oder her, ein Flugschüler hätte meiner Ansicht nach unter diesem Schirm nichts zu suchen.

Die Ansprüche an deinen Gleitschirm wachsen mit den Fähigkeiten. Mit der Zeit entwickelst du vielleicht erste Streckenflugambitionen, dann rücken Leistung und Geschwindigkeit näher in deinen Fokus. Vielleicht findest du aber auch Gefallen an Hike & Fly (keine Bergbahn den Berg rauf, sondern laufen) und interessierst dich deshalb irgendwann für einen Leichtschirm. Von einem Leichtschirm rate ich dir zu Beginn deiner Fliegerkarriere ebenfalls ab, denn spätestens wenn der Schirm mal irgendwo im Baum oder im Strauch hängt wird sich das sonst bemerkbar machen.

Es gibt eine Vielzahl an LTF-A oder LTF-B Gleitschirmen, und die Flugschule deiner Wahl wird dich sicher fachkundig bei der Schirmauswahl beraten. Im Idealfall vertritt die Flugschule nicht nur einen Hersteller, sondern hat mehrere Marken im Programm und kann dir auf Wunsch verschiedene Gleitschirme zur Auswahl bieten.

Zum passenden Gleitschirm benötigst du natürlich das richtige Gurtzeug. Und zu diesem geht es hier entlang...