… oder SWING macht Fliegen sicherer (Teil 2): Das Jahr 2016 steht bei SWING ganz im Zeichen neuer Ideen und innovativer Entwicklungen. Mit dem auf der diesjährigen Thermikmesse veröffentlichten Schottwandsystem RAST geht der Hersteller in der Gleitschirmentwicklung bereits neue Wege (Paragliding.de berichtete).
Mit der ebenfalls auf der Thermik 2016 präsentierten Konzeptstudie SWING ARUS stellt der Hersteller erstmals ein Gurtzeug mit integrierten automatischen Rettungs- und Sicherheitssystem vor.

Die Idee zu SWING ARUS:

“In vielen Sportarten sind aktiv öffnende Sicherheitsairbags bereits Standard. Mit der Swing_ARUSKonzeptstudie ARUS wurde nun erstmalig erfolgreich der Transfer in den Gleitschirmsport vorgenommen. Im Notfall kann der Pilot zusätzlich zu einem kompakten Schaumprotektor, welcher bereits die LTF-Anforderungen erfüllt, die Airbageinheit aktivieren. Hierdurch erzielen wir je nach Konfiguration Dämpfungswerte zwischen 10g-13g nach LTF-Standard. Außerdem verbessert der seitliche Aufprallschutz die Schutzfunktion erheblich. Als weiteres Feature ist eine federbasierte Rettungsschirm-Ausbringung vorgesehen. Durch einen Hilfsschirm wird die Hauptrettung selbstständig aus dem Gurtzeug gezogen. Hierdurch wird der Auslösevorgang für den Piloten entscheidend erleichtert.” (Quelle: SWING)

Die Technologie-Webseite von SWING verrät uns bisher neben einer Videodemo auch die Grundidee sowie die Eckpunkte der Entwicklung. Weitere Information zu SWING ARUS sind im Netz derzeit leider noch nicht zu finden. Auf der diesjährigen Thermikmesse hatte der SWING ARUS-Stand das Interesse vieler Besucher geweckt, darunter auch meine eigene Neugier… also habe ich nun nachgefragt und zwar direkt in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von SWING.

Hierzu Nicolas Eggert im Interview:

Paragliding.de: Hallo Nicolas, vielen Dank für die Möglichkeit eines Interviews! Mit RAST und ARUS entwickelt SWING zwei innovative neue Konzepte um den Gleitschirmsport noch sicherer zu machen – das bedeutet bei beiden Konzepten mehr Sicherheit, aber auch mehr Gewicht! Und das entgegen dem allgemeinen Trend „immer schneller und immer leichter“… Ist das der Beginn eines Trendwechsels??

Nicolas Eggert: Wir sind natürlich bestrebt das Gesamtgewicht so weit wie möglich zu reduzieren und mit einem konventionellen Gurtzeug vergleichbar zu machen, da mit einem verringerten Gewicht die Kundenakzeptanz steigt. Dennoch möchten wir den Sport voranbringen, neue Konzepte integrieren und nicht permanent die gleiche Schiene fahren. Für eine optimale Funktion mussten wir zunächst passende Bauteile suchen, Kompromisse bleiben da nicht aus. Aus den gemachten Erfahrungen konnten wir Rückschlüsse aus den komplexen Wechselwirkungen ziehen und weitere Anpassungen vornehmen. Doch irgendwann wollten wir den Status-Quo präsentieren und mit der Öffentlichkeit über unser System sprechen.

Paragliding.de: Nicolas, Euer neues RAST-System ist ja bereits im Markt, lass uns also bitte über ARUS sprechen… Ihr habt SWING ARUS auf der Thermikmesse als Konzeptstudie vorgestellt, wie weit ist hier aktuell der Entwicklungsstand?

Nicolas Eggert: Momentan sind wir noch im Gespräch mit mehreren Herstellern, welche die Einzelkomponenten produzieren. Da geht es dann vor allem um die Stückzahlen, Formkosten und Lieferzeiten. Viele Kunden unterschätzen den Aufwand, die mehrjährige Entwicklungszeit und die Materialkosten. Und da wir mit einer Kleinserie starten wollen, muss schlussendlich auch wirtschaftlich ein Schuh aus dem Konzept werden.

Paragliding.de: Auf der Internetseite zur SWING ARUS Technology stehen leider noch nicht viele technischen Details. Magst und kannst du uns bitte ein paar Details verraten? Wie ist das ARUS System technisch aufgebaut?

Nicolas Eggert: Das System wird momentan über einen Li-Po Akku mit dem nötigen Strom versorgt. Aufgrund der Wartungsintensität wollen wir jedoch auf eine Batterie wechseln, welche im System verbleiben kann und bis zur nächsten Wartung oder Auslösung die Energieversorgung sichert.

Der Ausschuss des kleinen Vorschirms zum Auszug der großen Rettung aus dem Hauptfach wird weiterhin mittels Feder ausgeführt. Die Sicherung der gespannten Feder übernimmt momentan ein mechanisches Bauteil, welches wir gerade noch verändern und verbessern.

Die Industrie-Gebläse blieben bis dato unangetastet. Erstaunenswerter weise haben diese etliche Durchläufe auf den Prüfständen ohne merkenswerte Einbußen durchgehalten. Ob wir eventuell die Umdrehungszahl zugunsten der Öffnungsgeschwindigkeit anpassen bleibt momentan noch offen.

Die Steuerung des Systems übernimmt ein eigens für unsere Bedürfnisse angepasster Controller, welcher die Gebläse und eventuell auch die Auslösung des Vorschirms steuern könnte. Hier sind wir weiterhin in einer Optimierungsphase der bereits erprobten Elemente.

Der Auslösegriff verbleibt wie bekannt am vorderen Frontcontainer. Mit der zentralen Position haben wir gute Erfahrungen gesammelt.

Wie ihr erahnen könnt, gibt es noch Detailarbeit, die vor der Serienfertigung erledigt werden muss. Unser Ziel ist es, ein möglichst störungsunempfindliches System zu liefern, welches wartungsarm ist und Bedienungsfehler ausschließt.

Paragliding.de: Wieviel Mehrgewicht hat das System gegenüber dem Gewicht eines herkömmlichen Gurtzeugs?

Nicolas Eggert: Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Eine genaue Definition über das „herkömmliche Gewicht“ gibt es im Grunde genommen einfach nicht. Rein subjektiv ist es anwenderabhängig, ob ein Pilot 3kg für ideal hält oder mit 5kg zufrieden ist. Im Vergleich mit dem exakt gleichen Gurtzeug liegen wir auf Augenhöhe. Wir sparen durch Verwendung eines Leichtschaums effektiv an Gewicht und investieren diese Ersparnis in die weiteren Komponenten, wie Airbag und elektrische Bauteile.

Das bei der Messe subjektiv wahrgenommene Mehrgewicht entsteht durch die zweite Rettung die wir vorgesehen haben. Dieser Nebeneffekt entsteht aber bei jedem Gurtzeug.

Swing-Arus-optionale-Zweitrettung

optionale Zweitrettung

Paragliding.de: Warum verbaut Ihr eine zweite Rettung? Wäre das System auch nur mit einer Rettung realisierbar?

Nicolas Eggert: Das System funktioniert mit einer Rettung problemlos. Da wir jedoch automatische und elektrische Komponenten verbauen, sehen wir eine Zweitrettung vor, die wir händisch ausbringen. Für viele Nutzer ist eine geringe Unsicherheit vorhanden, komplett vom bekannten und funktionierenden System auf ein automatisches System zu wechseln. Zudem wollen wir Bedienfehler und Kinderkrankheiten durch größtmögliche Sicherheit ausschließen. Wenn das nötige Vertrauen aufgebaut wurde, können wir uns durchaus eine Umsetzung mit nur einer Rettung in der folgenden Produktgeneration vorstellen.

Paragliding.de: Wie hoch ist der technische Wartungsaufwand von SWING ARUS für den Piloten (z.B. Batteriewechsel)? Muss das Gesamtsystem regelmäßig überprüft werden?

Nicolas Eggert: Momentan wird eine wartungsfreie Lösung angestrebt. Der Check des Gesamtsystems wird nicht zeitaufwändiger sein als üblich. Natürlich sollte bei Beschädigungen, harten Landungen oder einer Auslösung eine Überprüfung erfolgen. Über den Prüfungsinterval bei normaler Nutzung können wir noch keine Aussagen treffen, da wir einige Komponenten verbessern. Der Lade- und Systemzustand kann über eine Anzeige abgelesen werden.

Bei der Nutzung am Berg sehen wir momentan eine händische Aktivierung durch den Nutzer vor, wie es bei Trikes oder im UL bereits Standard ist. Hierbei wird das System scharf gestellt.

Paragliding.de: Kann der Pilot das Rettersystem nach der Auslösung eigenständig wieder packen?

Nicolas Eggert: Die Kontaktaufnahme mit einem geschulten Betrieb wird in der ersten Produkt-Phase unerlässlich. Dieser kann dann entscheiden, ob eventuell Reparaturen oder der Tausch von Komponenten nötig sind. Für uns wird es anfangs wichtig sein, direkt von den verwendeten Gurtzeugen weitere Erfahrungen zu sammeln.

Swing Arus Aktivierung

Swing Arus Aktivierung

Paragliding.de: Mit SWING ARUS wird der Rettungsschirm automatisch nach Auslösung ausgebracht, d.h. der Pilot hat hier keine Einflussnahme mehr auf Wurfrichtung und Intensität. Ist die Gefahr eines Retterfraßes damit verringert oder vielleicht sogar ausgeschlossen?

Nicolas Eggert: Bei einer Störung sind Zehntelsekunden entscheidend. Eine gerichtete Ausbringung bei herkömmlichen Gurtzeugen gelingt selbst geübten Piloten nicht immer optimal. Die Automatik unterstützt den Piloten mittels des Hilfsschirms. Der optionale Zweitrettungsschirm erhöht die Überlebenschance, falls der erste Retter sich verfangen sollte. Komplett ausschließen können wir den Retterfraß momentan nicht, da zu viele Faktoren im Notfall zusammenkommen.

Paragliding.de: Auf der Thermikmesse habe ich erfahren, dass man SWING ARUS auch fernauslösen könnte. Für z.B. Sicherheitstrainings wäre das womöglich eine Worst-Case-Notfalllösung um im Ernstfall noch extern eingreifen zu können. Ist das eine rein theoretische Überlegung oder habt ihr mit Fernauslösungen schon Erfahrungen in der Praxis sammeln können?

Nicolas Eggert: An solch einer Lösung arbeiten wir gerade. Dazu müssen aber noch einige Bauteile geändert werden. Womöglich könnte dieser Ansatz in einer späteren Produktgeneration Anwendung finden. Letztendlich müssen wir uns jedoch entscheiden, ob wir die Komplexität weiter erhöhen möchten oder eine gut funktionierende Lösung mit weniger Komponenten die kundenfreundlichere Lösung darstellt.

Paragliding.de: Welche weiteren Auslösemöglichkeiten gibt es bei SWING ARUS bzw. was habt ihr da noch in Planung?

Nicolas Eggert: Momentan favorisieren wir die mechanisch/ elektrische Auslösung. Weitere Möglichkeit stellt wie eben genannt die Fernauslösung dar. Auslösemöglichkeiten wie über Sprachsteuerung oder sensorgesteuerte Bauteile sind in unsere Überlegungen eingeflossen, jedoch sind diese momentan in der Umsetzung nicht praxistauglich. Um den Entwicklungsumfang nicht künstlich zu verkomplizieren, wollen wir mit zuverlässigen Elementen beginnen.

Paragliding.de: Eine Notwasserung ist für uns Gleitschirmpiloten im Ernstfall eine lebensbedrohliche Situation. Sofern ich die kurze Sequenz im Video richtig beurteile, treibt der Pilot nach der Wasserlandung aufrecht sitzend im Wasser. Wasserlandungen und Airbag-Gurtzeuge vertragen sich doch eigentlich nicht… wie verhält sich SWING ARUS im Falle einer Wasserlandung bzw. Notwasserung?

Nicolas Eggert: Das gefürchtete Umdrehen im Wasser kann bei jedem Gurtzeug auftreten, sobald Schaum oder Luft im Protektor für unkontrollierten Auftrieb sorgt, das ist bei dem ARUS-System nicht anders. In unserem System kann im Idealfall jedoch bei einem Aufprall im sitzenden Zustand die Luft aus dem mittig angeordneten Airbag entweichen, in den seitlichen Airbags verbleibt sie hingegen und sorgt für Auftrieb. Die Seitenairbags sollen jedoch keinesfalls als Schwimmer oder als Ersatz für eine Rettungsweste verstanden werden. Wie sich das Gurtzeug beim Aufprall in einem Spiralsturz verhält können wir aufgrund fehlender Simulation nicht beantworten. Bei unseren Tests am Gardasee gab es bis jetzt keine problematischen Situationen bei einer Wasserlandung.

Paragliding.de: Auf der SWING ARUS Technologieseite wird derzeit das Pilotenfeedback zu Bedarf, Nachfrage und möglichem Preissegment abgefragt. Gibt es hier Tendenzen oder vielleicht sogar schon Rückschlüsse aus bereits vorhandenen Ergebnissen?

Nicolas Eggert: Die Resonanz der interessierten Teilnehmer ist durchweg positiv. Einige Piloten berichteten von Unfällen und schweren Verletzungen, bei denen ein Airbagssystem die Situation deutlich entschärft hätte. Ebenfalls zählen viele Beginner und jüngere Piloten zu den Teilnehmern. Ein sehr erfreuliches Ergebnis, da Sicherheit immer mehr in den Fokus rückt. Bei der Preisfrage scheiden sich die Geister – einige möchten nur einen kleinen Aufpreis zahlen, jedoch den kompletten Funktionsumfang – andere möchten die maximale Sicherheit und sind bereit zu investieren.

Paragliding.de: Nach der Konzeptstudie kommt die Serienreife… wie und wann geht es mit ARUS nun weiter?

Nicolas Eggert: Wie bereits erwähnt sind wir in der Beschaffungs- und Vorbereitungsphase zur Serie. Dabei sind wir auf unterschiedliche Lieferanten angewiesen, bei denen momentan Angebote erstellt werden. Die anschließende Koordinierung der Serienfertigung wird ein weiterer Baustein zum fertigen Produkt. Einen konkreten Release-Termin können wir nicht nennen.

Paragliding.de: Vielen Dank Nicolas für das aufschlussreiche Interview und deine Unterstützung!

Mit dem SWING ARUS Sicherheitskonzept geht SWING also erneut ungewöhnlich neue Schritte in Richtung “mehr Sicherheit”. Es bleibt abzuwarten in welchem Preissegment das ARUS Sicherheitskonzept liegen wird und ob wir Piloten bereit sind diese Mehrkosten zu tragen. Ich wünsche SWING jedoch aus tiefer Überzeugung, dass das System im Gleitschirmsport angenommen wird und sich erfolgreich am Markt etablieren kann. Steht am Ende des Jahres auch nur ein durch das ARUS-System vermiedener schwerer oder gar tödlicher Unfall weniger, so hat sich SWING´s neue Entwicklung meiner Ansicht nach schon gelohnt!